Schattenseiten


Baby1Puh… Den gestrigen Tag im Tierheim in Worte zu fassen, fällt mir wieder mal nicht so leicht. Wenig Friede, Freude, Heiterkeit und nur an der Oberfläche „nett – wie immer“. Es gab einige schöne Momente wie z.B. die Vermittlung eines jungen Wohnungskaters und der kleine Plausch mit Petra während wir ein Stück von Hannis selbst gebackenem Käsekuchen gegessen haben. Ja, das war wirklich nett.

Ganz und gar nicht „nett“ und mir noch immer schwer im Magen liegend, war das „Drum herum“, das wohl keiner der gestrigen Besucher mitbekommen hat. Da war z.B. die Abgabe einer 16-jährigen Katzenomi, bei welcher die abgebende Person offenbar sicher gehen wollte, dass wir wenigstens einen ihrer zahlreichen Abgabegründe glauben würden und damit die Abgabe irgendwie nachsehen würden. Offen gestanden habe ich diese Person gar nicht bewusst wahrgenommen. Sie könnte mir heute über den Weg laufen und ich würde sie nicht wiedererkennen – auch wenn sie sich vorstellen würde nicht. Sie ist für mich gesichtslos. Ganz im Gegensatz zu Baby, „ihrem Baby“, – das aber wohl doch nicht genug Baby war, um bei ihr bis zum Tod bleiben zu dürfen. Die wunderschöne Norwegisch-Waldkatzen-Mix-Dame maunzte sichtlich verängstigt in der Box und ließ sich auch auf gutes Zureden nicht beruhigen. Sie würde sehr laut und nachhaltig maunzen. Aha… Keine 5 Minuten nachdem ich Baby kennenlernte hatte ich den Verdacht, dass sie taub ist und deshalb vermutlich lauter maunzt. Auf diese Idee war die abgebende Person wohl nicht gekommen — auch nicht, wie man der Süßen ihre damit verbundene Unsicherheit zumindest teilweise nehmen könnte. Lotte

Wie auch immer. Ich nahm sie gleich mit, weil ich nicht wollte, dass sie länger als notwendig in der blöden Box in der Anmeldung rum steht und womöglich auch noch Hunden oder ähnlichem begegnet. Für eine so alte Katze zählt quasi jeder Tag im Tierheim doppelt schwer und so brachte ich sie direkt zum Tierarzt, um die Eingangsuntersuchung nicht noch über das Wochenende hinaus zu schieben. Leider gebärdete sich Baby gar nicht „baby-like“ und musste für die Untersuchung auch noch sediert werden, was mir unendlich leid tat – zumal sie sich mit dem Aufwachen ziemlich schwer tat. Ich blieb bei ihr bis sie wieder einigermaßen Herrin ihrer Sinne war und knippste ein paar Bilder ohne Blitz – mit entsprechend schlechter Qualität, aber immer noch gut genug, dass wir sie sofort zur Vermittlung einstellen können.

Wer glaubt, damit sei der Tag schon bedrückend genug gewesen, sollte jetzt zu lesen aufhören. Nicht nur wuselte eine winzig kleine, 14-jährige, ziemlich zerfleddert aussehende Hundeomi ziemlich verzweifelt hinter uns her (ebenfalls „entsorgt“ – wenn man mich fragt). Eine offenbar ebenso alte Fundkatze macht uns große Sorgen. Wir hatten sie kürzlich in Facebook gepostet in der Hoffnung, dass sich ihre Halter vielleicht doch noch finden lassen. Gekennzeichnet oder gar registriert ist sie nicht und so ist die Wahrscheinlichkeit einer Rückvermittlung doch sehr überschaubar. Leider gehört sie auch zu den Tierheimtieren, die zwar jeder unendlich bemitleidenswert findet – aber keiner nimmt. Sie wiegt sicherlich kaum noch zwei Kilo, ist also rappeldürr, sieht und hört wenig bis gar nichts und hat einen deutlich sichtbaren Tumor an der Milchleiste. Eine Narkose würde sie mit Sicherheit nicht mehr überleben und da Milchleistentumore bei Katzen in den allermeisten Fällen bösartig sind, würde eine OP wohl auch nichts bringen – außer Schmerzen.

P1070438_kLotte, wie wir sie getauft haben, ist dabei eine wunderbare, ganz zarte Katzenomi, die sofort auf den Schoß gekrabbelt kommt – wenn sie ihn denn findet und sich gerne am Köpfchen krabbeln lässt. Als Petra gestern bei ihr saß, fiel uns auf, dass ihr Tumor offenbar nässte. Gar kein gutes Zeichen… Der Tierarzt schaute es sich sofort an und gab zumindest eine kleine Entwarnung. Es war offenbar nicht der Tumor selbst, der geplatzt war, sondern Ömchen hatte sich die Haut dort wund geleckt. Die einzige Hilfe war ein Body, welcher ihr allerdings auch sichtliches Unbehagen bereitet. Die ganze Prozedur an sich hat sie so fertig gemacht, dass sie völlig geplättet in ihrer Box lag.

Puh…. Wir saßen lange bei Ömchen und jeder kämpfte mit sich, seinen Gefühlen – und dem Gedanken, ob eine Erlösung für die Maus nicht eher ein Geschenk wäre als sie noch länger am Leben zu halten. Sie frisst mittlerweile gut, sie wackelt einem auch entgegen, wenn man sich bemerkbar macht und sie lässt sich sehr gerne kuscheln. Zumindest augenscheinlich hat sie keine Schmerzen. Sie ist „einfach“ alt – offenbar sehr alt. Eigentlich noch kein Grund für eine Euthanasie und wäre sie in einem Zuhause, könnte sie sicherlich noch ein paar schöne Tage, vielleicht sogar Wochen genießen. Keine Frage… Aber im Tierheim… Welche Aussicht hat sie da? Wenn sie Glück hat, kommt jeden Tag jemand vorbei, der sie vielleicht eine halbe Stunde betüdelt. Sie wird medizinisch so weit wie möglich versorgt und liegt ansonsten alleine in einer Box – hat vielleicht einen Quadratmeter für sich – ohne frische Luft, denn die gibt es nur in den Zimmern, wo sie aber sicherlich nicht mehr rein gesetzt wird. Normal vermittelt wird sie auch bestimmt nicht und so rang sich in mir gestern immer mehr der Gedanke durch, ob es nicht besser wäre, einfach einschlafen zu dürfen, während Menschen ihr das Gefühl geben, zumindest in ihrem letzten Moment geliebt zu werden und ihr Geborgenheit zu geben. Sie hat eine winzig kleine Chance auf einen Hospizplatz, der aber mehr als vage ist und für den sie noch mehr als nur „ein paar Tage“ durchhalten müsste. Diese Chance alleine hat mich gestern davon abgehalten, doch nochmal zum Arzt zu gehen und ihn um eine Euthanasie zu bitten.

Jetzt habe ich einen richtig dicken Kloß im Hals und hoffe, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Wir wissen nicht, wie es sich für ein Tier anfühlt, alleine im Tierheim zu sterben. Wir wissen auch nicht, ob Lotte tatsächlich keine – oder zumindest wenig – Schmerzen hat und wir wissen auch nicht, ob sie einfach einschlafen wird oder vielleicht unter Schmerzen und Angst ihre letzten Momente erleben wird. Was ich weiß ist, dass es sich falsch anfühlt, dass sie dort ist und dass es mich zerreißt, ihr nicht mehr helfen zu können. – Bitte spart euch sämtliche Kommentare, dass ich nicht allen helfen kann und dass ich ihr ja meine Liebe gegeben habe und so weiter und sofort. Das weiß ich selbst. Ich bin nicht dumm. Ich fühle nur anders… Sagt lieber gar nichts als so etwas Banales.

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7 Antworten zu Schattenseiten

  1. Stephanie Junkers schreibt:

    Drück dich auch ;(

  2. Michael Dirks schreibt:

    Hallo Carmen!

    Mit Sicherheit habt Ihr die richtige Entscheidung getroffen, die Katzenomi nicht gleich einzuschläfern. Ich bin kein Freund von zu früher Euthanasie von Tieren. Wenn man es genau nehmen würde, hätte man meinen Nick auch schon längst „erlösen“ können, aber jetzt hat sich doch noch ein Mensch erbarmt, der ihm nimmt, nämlich ich. Und es geht ihm nicht schlecht bei mir. Nick hatte auch nur einen Quadratmeter, war im Tierheim am Abbauen und kaum noch agil, das sieht jetzt anders aus. Er ist hier glücklich. Es kann jeden Tag jemand wie ich ins Heim kommen und ein Tier mitnehmen und ihm ein Zuhause und letzte schöne Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre bieten.

    Jedoch verstehe ich Deinen Zorn: Als ich Nick abholte und bei Euch den Vertrag durchlas, war neben mir so ein Blödian, der am Tage zuvor 2 Kaninchen holte und eines wieder abgeben wollte, mit der Begründung, daß es nicht funktionierte, weil sich die Kaninchen nur bekriegen würden. Aha, dachte ich! Nach nur einem Tag diese Erkenntnis! Was habe ich denn dann mit den Tieren versucht? Gar nichts! Mein bester Kumpel und seine Frau haben zwei Katzen, eine davon war 3 Tage in der Tierklinik Eberstadt, als sie wieder zusammenkamen war auch nur Krieg angesagt, aber das wurde ausgesessen und jetzt ist wieder alles in Ordnung. Man muß sich eben mit Tieren beschäftigen, wenn man sie in sein Leben läßt, dazu gehören nicht nur die guten Seiten. So sehe ich es ja auch mit Nick: Mich fragen viele Kollegen und Freunde, warum ich mir einen Kater geholt habe, der mir, auf Deutsch gesagt: jeden Tag die Wohnung zukackt. Er kann nichts dafür! Er ist eben krank! Und ich antworte: „In guten wie in schlechten Zeiten, heißt es immer. Ich habe mit den Schlechten angefangen und es wird besser!“.

    Es gibt eben Menschen, die mit Tieren umgehen können und es möchten und es auch tun. Dazu gehören wir! Laß‘ Dir das ein Trost sein und laß‘ Dir alle anderen Menschen, die verantwortungslos mit Tieren umgehen, einfach mal egal sein. Man kann es leider nicht ändern, man kann nur den Tieren helfen, die es betrifft, leider! Ich hatte mir eine ehrenamtliche Tätigkeit bei Euch im Tierheim auch schon überlegt, vielleicht mache ich das auch irgendwann nochmal. Aber erst einmal unterstütze ich Euch, indem ich Euch Nick abgenommen habe und mich nur um ihn kümmere. Ist ja auch schon mal was, finde ich 😉 !

    Einen ganz lieben Gruß,

    Michael!

    • Stephanie Junkers schreibt:

      Hallo, Daumen hoch für dich und Nick!!! (Hatte mich auch für Nick interessiert, aber du warst schneller ;O)))) Hoffe er hat noch viele schöne Tage bei dir!!!

      • Michael Dirks schreibt:

        Hallo Stephanie!

        Vielen Dank! Der kleine Knallkopp sonnt sich gerade auf dem Balkon. Das macht er gern, wenn er nicht gerade 30 Stunden am Tag schläft 😉 !

        Liebe Grüße,

        Michael!

    • Lieber Michael,
      danke dir für deine lieben Zeilen und deine Herzenswärme für den süßen Nick. Wir kennen uns ja noch nicht persönlich, daher scheint dir mein Blogeintrag vielleicht tatsächlich so, dass ich Lotte „zu schnell“ einschläfern würde. Glaube mir, so ist es nicht. Nick habe ich sooft besucht wie es mir irgendwie möglich war, habe lange Zeit mit ihm auf dem Schoß gesessen und habe ihm immer wieder gesagt, dass er durchhalten soll, weil ich mir sicher bin, dass nochmal ein schönes Zuhause auf ihn wartet. Ich denke auch, dass ein Teil seiner gesundheitlichen Probleme im Tierheim von dem Tierheimstress verursacht wurden und war mir sicher, dass er in einem Zuhause nochmal aufblühen würde – wenn er nur lange genug durchhält.

      Bei Lotte sitze ich und sage ihr „Lass einfach los, kleine Maus. Ich bin bei dir, du bist nicht alleine.“ Lotte hat einen aller Wahrscheinlichkeit nach bösartigen Tumor, der mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit bereits gestreut hat. Sie ist in einem wirklich erbarmungswürdigen Zustand und muss jetzt auch noch einen für sie sehr unangenehmen Body tragen, was ihr noch ein Stück mehr der vielleicht noch verbliebenen Lebensqualität nimmt. Sie sieht und hört kaum noch, ist selbst von Streicheleinheiten auf dem Schoß so geschafft, dass sie völlig erschöpft in der Box liegt und man auf ihre Flanken starrt, um das Atmen noch erkennen zu können. Glaube mir, es ist anders als bei Nick und manchmal wäre ein Ende in liebevoller Gesellschaft besser als ein einsamer Tod in einer sterilen Box. Wenn ich auch nur den Hauch einer Möglichkeit hätte, die Maus bei mir aufzunehmen, würde ich es tun. Einfach um ihr noch ein paar Tage Liebe und Geborgenheit zu geben. Viel mehr wird bei ihr vermutlich gar nicht mehr möglich sein. Bei Lotte geht es um ein Hospiz – bei Nick um einen Altersruhsitz.
      Immer noch geknickt
      Carmen

      • Michael Dirks schreibt:

        Hallo Carmen!

        Selbstverständlich nahm ich nicht an, Du würdest zu schnell auf den Gedanken der Euthanasie kommen. Das solltest Du nicht falsch verstehen. Ich wollte Dich lediglich darin bestärken, daß es richtig war, nicht gleich die allerletzte Lösung für die arme Lotte angewandt zu haben. Allerdings klingt es bei ihr wirklich so, als sei nicht mehr viel zu machen, leider. Ich kann sowas auch nicht gerade gut verkraften. Bei mir ist das etwas seltsam: Es ist für mich immer schlimmer, wenn es Tieren schlecht geht, als wenn Menschen leiden. Für Tiere hatte ich schon immer mehr Herz, als für meine eigene Gattung. Ganz nüchtern betrachtet hat der Mensch jedoch auch nicht gerade viel Mitleid verdient, wenn man bedenkt, was er sich selbst, den Tieren und dem ganzen Planeten antut.

        Für Lotte hoffe ich, daß sie von selbst friedlich einschläft.

        Ganz liebe Grüße,

        Michael!

  3. Charlotte schreibt:

    *drück*
    Mich würde es auch zerreissen. Könnte alleine schon beim Lesen losheulen… 😦

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