Work-Life-Balance


Letzte Woche hatte ich mein „Jahresfeedback-Gespräch“ im Büro und ohne in die Details eingehen zu wollen (dazu sind mir meine Bauchschmerzen, mir könnte schon durch diesen Artikel ein Strick gedreht werden, zu groß), gab es einen Punkt, der bei mir besonders „hängen geblieben“ ist und der mich seitdem immer wieder umtreibt. Es ging darum, dass mir mein Chef eine überdurchschnittlich gute Arbeitsleistung quittierte, mich als einer der „Motoren“ meiner Firma bezeichnete und sich gleichzeitig „beschwerte“, dass ich zu wenig Präsenz im Büro zeigen würde und wohl zu viel „Life“ und zu wenig „Work“ an den Tag legen würde. Schon, wenn ich diese Aussage aufschreibe, grollt es in mir… Wir konnten dazu einige sachliche Argumente austauschen – u.a. nimmt mich meine aktuelle Bürosituation (am Ende des Ganges, im hintersten Eck, hinter einer großen Trennwand – was übrigens nicht ich mir ausgesucht habe, sondern meine Firma als „Open Office“ versteht…) schlichtweg gänzlich aus seinem Sichtfeld, und einigten uns darauf, dass ich ihm mehr „Pings“ gebe, wenn ich da bin und wenn ich mich mit der Firma beschäftige und umgekehrt er mehr darauf achtet, eben auch mal „um die Ecke“ zu schauen und seinen subjektiven (und aus meiner Sicht definitiv falschen) Eindruck zu hinterfragen. So weit so unspektakulär und sicherlich lösbar. Das Thema ist zwischen uns vom Tisch, aus meiner Sicht auch kein größeres Problem und sicherlich zu einem nicht unerheblichen Teil einfach den äußeren Umständen geschuldet…

Dennoch beschäftigt mich das Thema seither täglich und löst in mir ganz „global-gallaktisch“ (eines unserer Lieblingswörter im Büro) ein tiefes Grummeln im Bauch aus. Sollte man sich dafür wirklich entschuldigen müssen, wenn man offenbar schneller als die werte Kollegschaft ein besseres Ergebnis als der Durchschnitt ablegt und dafür offenbar nicht mal zahlreiche – unbezahlte – Überstunden braucht? Muss man sich wirklich dafür entschuldigen, dass man tatsächlich ein Leben neben dem Büro hat? Den Satz „Ich weiß ja nicht, wie viel Sie sich in Ihrer Freizeit mit Beruflichem beschäftigen“ empfinde ich als besonders fragwürdig – auch wenn mir klar ist, was damit eigentlich gemeint war. Natürlich beschäftige ich mich neben meiner Anwesenheitszeit im Büro noch mit meinem Job. Wie sonst könnte ich so gut darin sein wie ich es bin? Aber davon abgesehen: Freizeit heißt doch Freizeit, weil es „freie Zeit“ ist – also Zeit, die man sich selbst gestalten kann und sollte man nicht jeden herzlich beglückwünschen, wenn er einen tieferen Sinn  in seinem Leben gefunden hat?! Ja, ich mache viel „drum herum“. Familie, eigene Katzen, Haushalt, Studium, Tierheim… Ist das in unserer Gesellschaft wirklich so schlimm, wenn man sich nicht zu den Workaholics zählt, die irgendwann völlig ausgebrannt sind oder mit Mitte Vierzig mit einem Herzinfarkt tot umfallen? Wobei… bei näherer Betrachtung würde ich mich durchaus als Workaholic bezeichnen. Ich habe sicherlich ein beachtliches Stundenpensum die Woche an „nützlichen“ Aktivitäten – nur dass ich eben für einen Teil davon nicht monitär bezahlt werde, sondern „nur“ mit der Zuneigung von heimatlosen Geschöpfen.

Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich da sitze und mit dem Kopf schüttel. Da macht die Firma einen großen Hokus-Pokus mit Aktivitäten, bei denen sich der Arbeitnehmer gut und gesund fühlen soll und dann muss ich mich dafür rechtfertigen, wenn ich diese Angebote einfach nicht nötig habe, weil ich selbst mein Leben ganz gut alleine gestalten kann und bei dem es eben nicht nur um mein persönliches Wohl und das meiner Firma geht, sondern eben auch um das meiner Mitmenschen und vor allem um Tiere, welche andere Menschen „entsorgt“ haben. Schon wieder schüttle ich den Kopf…

Mittlerweile bereue ich, dass ich bei meinem Chef jemals erwähnt habe, dass ich ein Leben neben dem Büro habe. Vermutlich wäre es ihm überhaupt aufgefallen, wenn ich es nicht erwähnt hätte. Vielleicht wäre ich dann einfach nur für meine überdurchschnittlich guten Leistungen gelobt worden und man hätte sich auf die Kollegen konzentriert, die bei überdurchschnittlich hohem Zeiteinsatz deutlich weniger Ergebnisse liefern… Mir wird langsam schwindelig vor lauter Kopfschüttelei… Muss erst mal ausgiebig mit meiner Katze kuscheln…


Katze

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4 Antworten zu Work-Life-Balance

  1. Charlotte schreibt:

    Ach Du liebe Carmen, das ist genau einer dieser Punkte, die mir an der heutigen Zeit so sauer aufstösst: nicht der (oder die), der seine Arbeit unaufdringlich, schnell und gut erledigt und mitdenkt, wird bemerkt, sondern die, die am lautesten Schreien und möglichst viel heisse Luft produzieren. Kein Wunder, dass die engagierten Mitarbeitenden so früher oder später ihre Motivation verlieren…
    Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass Dein Chef gar nicht richtig realisiert hat, was er da überhaupt von sich gegeben hat. So etwas soll oft genug auch vorkommen. Denn ich persönlich finde die Aussage – in Anbetracht des vorangegangenen Lobes – etwas peinlich.
    Fühl Dich gedrückt – und von meinen beiden Fellnasen gekuschelt. 🙂
    Liebe Grüsse
    Charlotte

    • Liebe Charlotte,
      ich denke auch, dass ihm zumindest nicht bewusst war, was er damit bei mir auslöst und wir konnten es zwischen uns beiden ja im Gespräch auch klären. Ich habe ein sehr offenes und durchaus konstruktives Verhältnis zu meinem Chef. Wir sind beide sehr direkt und mitunter „unpolitisch“. Das schätze ich sogar an ihm sehr, weil es mir lieber ist als mutmaßen zu müsen, was er von mir möchte. Vermutlich hat er es sogar positiv gemeint, dass er wesentlich mehr Potential in mir sieht und ist indirekt davon ausgegangen, dass ich doch ein Interesse daran haben muss, mit (noch) mehr Einsatz (noch) mehr in der Firma zu erreichen. Das stößt aber wieder an das Grundproblem, was mich in unserer Gesellschaft so stört: warum muss man denn sein ganzes Potential in die Arbeit setzen? Warum kann man es denn nicht so aufteilen, dass man eine gute bzw. sehr gute Leistung im Büro erbringt (was ich ja auch unbedingt möchte und was mir augenscheinlich ja auch gelingt) und sich gleichzeitig auch im privaten Bereich – wie auch immer gelagert – sinnvoll einbringt?
      Um es nochmal ganz klar zu formulieren: Bei meinem Artikel geht es mir nicht um Kritik an meinem Chef (so etwas kläre ich natürlich bilateral) – im Gegenteil, wir hatten im Endeffekt ein sehr konstruktives Gespräch und im Laufe der folgenden Tage auch schon an diesem „schrägen“ Eindruck gearbeitet. Es geht mir um die Annahme als solche, man müsse in dieser Gesellschaft sein Leben um das liebe Geld und was-weiß-ich-für tolle neue Dinge stricken, die irgendwer künstlich erschaffen hat. Verstehst du, was ich meine?
      Liebe Grüße
      Carmen

  2. Christina schreibt:

    Das gibt aber wieder eine Menge Zündstoff für die mitlesende Kollegin… 😉
    Bei unseren halbjährlichen Feedbackgesprächen bin ich immer ganz froh, einen guten Draht zu meinem Chef zu haben, denn die andere Hälfte der Abteilung wird von der vorgesetzten Chefin ziemlich gebeutelt. Insofern empfinde ich die Ergebnisse als sehr subjektiv gefärbt, je nach Vorgesetztem. Man muss einfach Glück haben…

    • Ja, gut möglich, Christina. Ich hab‘ auch gründlich hin und her überlegt, ob ich es posten soll. Ich finde aber, es geht weniger um das Gespräch als solches (das werde ich mit meinem Chef schon noch aufarbeiten, da mache ich mir keine Gedanken). Es ist mehr grundsätzlicher Natur. Man muss sich in dieser Gesellschaft doch immer mehr entschuldigen, wenn man die Dreistigkeit hat, nicht nur für die Arbeit und das Geldverdienen zu leben, – wenn man nicht bei jedem neuen Trend mitreden kann oder gar mitläuft oder z.B. auch wenn man in seiner Mittagspause lieber private Themen bespricht als das eben beendete Meeting nochmal verlängert. Das ist doch total schräg… Wenn sich die Menschen mehr auf die wirklich essentiellen Dinge des Lebens konzentrieren würden, hätten wir wohl insgesamt weniger Probleme in dieser Welt. Finanzkrise gegen ein gesundes Maß an Arbeit und Entlohnung. Massenzucht gegen Regional- oder sogar Eigenanbau, Workaholic gegen das Pflegen seiner Eltern, Tiere…

Schnurr mir was...

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