Kleine Ratte (von Melitta W.)


RattenDie folgende Geschichte ist von Melitta, der guten Seele des Kleintierhauses im Darmstädter Tierheim geschrieben worden. Anlass waren die knapp 70 Ratten, die auf einen Schlag und unter schlimmsten Umständen bei uns abgegeben wurden. Ich möchte den Text einfach 1:1 veröffentlichen. Es gibt m.E. nichts hinzuzufügen oder zu kürzen. Verteilen Sie den Text gerne weitläufig. Wenn auch nur einem Lebewesen damit geholfen, nur ein Mensch zum Nachdenken gebracht werden kann, ist es ein Gewinn…

Hallo Mensch
– warte mal!
Kennst Du schon diese Geschichte?

Kleine Ratte

 Willkommen kleine Ratte,

endlich bist du hier.

Du wirst mit deiner Familie in eurem bisherigen Käfig ins Tierheim gebracht.
Dieser Käfig
ist ein Terrarium, ca. 120 lang x 60 cm tief x 60 cm hoch. Boden, Rückwand und Seitenwände bestehen aus Metall, die Vorderfront besteht in den unteren zwei Dritteln aus Kunststoff und im oberen Drittel aus Metallgitter, das Dach besteht aus Metallgitter. In der vertikalen Mitte ist ein Holzbrett als Trennwand angebracht.Das Terrarium besteht aus zwei Hälften, jede ca. 60 cm lang x 60 cm tief x 60 cm hoch. In jeder Hälfte ist im oberen Drittel ein ca. 60 cm langes x 15 cm breites Holzbrett angebracht. In der rechten Hälfte befindet sich ein ca. 30 cm langes x 15 cm breites x 15 cm hohes Haus aus Presspan. In der linken Hälfte befinden sich 2 ca. 20 cm lange x 15 cm breite x 15 cm hohe Häuser aus Presspan und 1 ca. 20 cm lange x 10 cm breite gebogene Weidenbrücke. Die Metallteile sind teils rostig, die Holzhäuser durchgehend aufgequollen und großteils angenagt. Auf dem Boden befindet sich eine dünne feuchte Schicht kaum als solche erkennbare Einstreu, vermischt mit Erdnüssen und auffallend wenig Kot. Alles klebt und stinkt. In der rechten Hälfte befinden sich deine männlichen Verwandten – in der linken Hälfte befinden sich deine weiblichen Verwandten und auch du befindest dich darin.

Ihr sollt 40 Tiere sein. Ihr seid 70 Tiere. 70 Lebewesen. Auf einer Bodenfläche von 60 cm x 60  cm 27 männliche Ratten und auf einer Bodenfläche von 60 cm x 60 cm 43 weibliche Ratten, darunter 5 gerade geborene Babys – und du bist eines davon. Du liegst mit deinen gerade geborenen Geschwisterchen in der feuchten Einstreu, die kaum den Boden bedeckt, zwischen Kot und Erdnüssen unter der Weidenbrücke. Eure winzigen nackten Körper sind so kalt!

 Ihr seid Ratten fast jeder Alterstufe – aber nicht jeder Alterstufe. Ihr seid so aufgeregt – ihr wollt alle nur raus. Die beiden Volieren erkundet ihr nur kurz und trinkt sehr lange Wasser aus den Wassernäpfen. Immer wieder! Bereits nach ganz kurzer Zeit liegt ihr erschöpft da – und bald schlaft ihr tief und fest. Keiner von euch muss mehr kämpfen!!! Kämpfen um Alles: um Essen und Wasser, um Platz zum Laufen, Sitzen und Schlafen, um Luft zum Atmen – um euer  bisschen Leben! Jeden Tag aufs Neue.

Wie sehr müsst ihr gelitten haben! Keiner von euch hatte den geringsten Freiraum: genügend Platz zu laufen, zu sitzen, zu schlafen, zu koten, zu urinieren – ihr müsst Alles aufeinander und auf euch gemacht haben. Keiner von euch hatte genügend zu essen und zu trinken – ihr müsst immer hungrig und durstig gewesen sein. Für jede Hälfte 1 Schale Essen am Tag – viel zu wenig besonders für die Mütter unter euch. Wie müsst ihr gekämpft haben um jeden Bissen Essen – um jeden Schluck Wasser. Wie viele haben verloren? Ihr seid viel zu wenig Tiere nach 7  Monaten ständiger Vermehrung. Keiner von euch hatte frische Luft zu atmen – die Luft in euren Hälften ist erfüllt von Geruch nach Kot und Urin. Auch eure Körper kleben und riechen danach. Und viel schlimmer noch: eure Augen sind voller Angst, voller Verzweiflung – voller  Hoffnungslosigkeit. Dieses Leben muss die Hölle für jeden Einzelnen von euch gewesen sein. Jede Sekunde.

Nun endlich seid ihr hier.

70 Lebewesen – und jedes Einzelne ist willkommen!

Auch du, kleine Ratte.

Du bist so winzig – so zerbrechlich. Dein kleiner Körper ist fast durchsichtig. Du bist so dürr – jeder Knochen ist erkennbar. Deine Haut ist ganz dünn – noch nackt und rosa. Gerade geboren siehst du so alt aus – wie ein Gerippe umlegt mit faltiger Haut. Aus deinem Inneren schimmert es an manchen Stellen blau – fast schwarz. Auf deinem kleinen Gesicht liegt solch eine Leere – solch eine unendlich tiefe Traurigkeit.
Du wirkst so müde.
Dein Schwänzchen ist noch so kurz.
Du liegst auf deinem Rücken und streckst deine Ärmchen in die Luft. Du hebst deine Händchen hoch – jedes einzelne Fingerchen ist schon zu erkennen. Nur deine Äuglein sind noch nicht zu sehen – sie sind noch geschlossen. Sie sollen für immer geschlossen bleiben.

Du bist tot.

Auf dem Weg heraus aus diesem Leiden wurdest du geboren und bist du gestorben.
Du kleines Seelchen solltest keine Chance haben.

Du liegst schutzlos auf dem fast blanken, harten und kalten Boden inmitten von Kot. Deine Mutter konnte dir kein sauberes, kein weiches, kein warmes Nest machen – sie hatte nichts dafür – nur sich selbst. Alles um dich herum ist schmutzig und klebrig – nur dein kleiner Körper ist sauber und weich – ganz zart.

Deine hoch in die Luft gestreckten Ärmchen – was wolltest du damit nur zeigen?
Wolltest du das Leben abwehren, in dem du gezeugt wurdest und entstanden bist?
Wolltest du das Leben begrüßen, in welchem du aufwachsen solltest?

Deine hoch gehaltenen Händchen – wie flehend – als wollten sie bitten: hilf mir!!!
Ein ganz besonderer Mensch hat euch gerettet – wollte euch allen helfen – auch dir!!!

Du nur durftest es nicht erleben.
Warum nur?

Dein ohnehin so kurzer Weg in das Regenbogenland durfte keine Kurve machen – der Beginn deines Lebens war der Anfang der Regenbogenbrücke.

Es finden sich besondere Menschen, die sich ganz bewusst für euch entscheiden. Ihr dürft die euch verbleibende Zeit in einem Zuhause verbringen, wie es besser nicht sein kann. Für diese Menschen seid ihr ein besonders wichtiger Teil in deren Leben und von diesen Menschen werdet ihr geachtet euer Leben lang – als Lebewesen.

Auch du hast ein Zuhause gefunden – einen ganz besonderen Platz:
einen Platz in unseren Herzen – für immer.
Ganz tief drin.

Tschüss, kleine Ratte.

Kennst Du solche Freunde von mir?

Dann hilf ihnen bitte!


Katze

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2 Antworten zu Kleine Ratte (von Melitta W.)

  1. Christina schreibt:

    Wie entsetzlich. Die armen Tiere! Diese haben nun wenigstens den Weg in’s Tierheim gefunden, wieviel mehr werden gequält und sich selbst überlassen, ohne Hilfe und ohne dass wir jemals etwas davon erfahren… 😦

Schnurr mir was...

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